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Tourismus:
Wandernd mit dem Herzen sehen – 2. Tour von Brody (Pförten) nach Biecz (Beitzsch) in der polnischen Niederlausitz





In unserer Presseinformation und Präsentation der Premiere dieser Wandertour schrieben wir vor dem 18. November 2012: „Wem es so geht wie uns Niederlausitzer Wandergurken, in dem kommt nach mehrmaligem Wandern um die Schlossruine Pförten (poln. Brody) und den Pförtener See (poln. Jez. Brodzkie), nach Nieder Jehser (poln. Jeziory Dolne) und Zauchel (poln. Suchodol) der Wunsch auf, einmal etwas weiter außerhalb der früher kleinen aber sehr geschäftigen Stadt Pförten zu erleben, wie das Leben … auf dem so genannten Platten Land einmal war und heute ist, über sechs Jahrzehnte nach dem letzten großen verheerenden Krieg mit all’ seinen Folgen. Plattes Land ist dabei keine Erfindung von uns oder irgendwie negativ gemeint. So wurde das dörfliche Land um große und kleine Städte in der preußischen Provinz Brandenburg um die Mitte des 19. Jahrhunderts bezeichnet, also auch in der Niederlausitz. Wilhelm Heinrich Riehl und J. Scheu benutzten 1861 diesen Begriff ebenfalls in ihrer sehr umfänglichen Dokumentation „Berlin und die Mark Brandenburg mit dem Markgrafthum Nieder-Lausitz in ihrer Geschichte und in ihrem gegenwärtigen Bestande“. (Reprint Niederlausitzer Verlag Guben, 716 Seiten; 1,154 Kilogramm schwer – gemäß Briefwaage...). Auch wir machen uns dort manchmal schlau, wenn wir anderswo nicht weiter kommen bei unseren Recherchen.“ Unsere Premieren-Wanderung auf dieser Strecke am 18. November 2012 war dann auch für alle unsere 37 Wandergäste ein überwältigendes und nachhaltiges Erlebnis.

Inzwischen haben wir die Zeit genutzt, um an diesem Freizeitprojekt (als einem von 140) des aktiven Natur- und Kulturtourismus weiter zu arbeiten. Offene Fragen konnten wir klären, neue taten sich allerdings auch wieder auf. Seit Mitte 2012 waren wir nun bereits mehrfach im heute polnischen Biecz (deutsch Beitzsch, 1937-1945 Beitsch), besuchten die Kirche auf der Anhöhe, die einst von George Bähr 1716 bis 1719 erbaut wurde (am 16. März 2013 war sein 275. Geburtstag), sozusagen als „Generalprobe“ für den großartigen Bau danach, die Dresdner Frauenkirche, fanden in dem Inhaber des Kirchenschlüssels auch ohne Kenntnis der polnischen Sprache einen freundlichen Partner, erkundeten anhand alter und neuerer topographischer Karten zwei Wege von Brody nach Biecz und zurück, die wir bei der Premiere testeten, und durchstöberten sogar das nordöstliche Umland von Biecz bis fast zur Mündung des Flüsschens Pstrag (deutsch Strang), welches in der Gemarkung des Dorfes in die Lubsza (deutsch Lubst) fließt, nachdem sein Wasser etwa 25 Kilometer vom Quellgebiet westlich des einstigen Bahnhofes Trzebiel (deutsch Triebel) gen Norden zurück gelegt hat. Noch nicht weiter gekommen sind wir mit einer möglichen Begehung des Schloss- und Gutsareals in Biecz, weil uns ein Kontakt mit dem Eigentümer bisher noch nicht gelungen ist. Auch von der Idee einer Rundwanderung um das kleine Dorf mussten wir uns aufgrund fehlender Möglichkeiten mit Bedauern verabschieden. Aber neben Brody (Pförten) hat Biecz (Beitzsch) nun mehr denn je einen festen Platz in unseren Herzen gewonnen. Wenn bloß der Weg von Brody nach Biecz nicht in etwa 25 Jahren etwa einmal Tagebaugrenze sein würde…

Deshalb laden wir Niederlausitzer Wandergurken nun alle unsere Wandergäste aus Nah und Fern sowie weitere interessierte Heimatfreunde der Niederlausitz ganz herzlich ein, uns auf dieser 2. Tour am Sonnabend, den 20. April 2013, mit Freude zu begleiten.

Wer allerdings glaubt, von uns über die Geschichte der Gutsherrschaft und des Dorfes Biecz so viel zu erfahren, dass man sich ein abgerundetes Bild machen kann, den müssen wir auch diesmal leider wieder enttäuschen. Schon bei den Recherchen über die Historie taten sich uns bisher nicht bekannte „Stolperstellen“ auf. Das beginnt schon mit den Angaben über das Alter des Dorfes, wobei 1000jährig sicherlich sehr vage, aber nicht ausgeschlossen ist. Lücken in der Abfolge der Besitzer der Standesherrschaft Pförten sowie des Dorfes Beitzsch mit Rittergut konnten wir erst nach mehrfachem hartnäckigen „Nachhaken“ schließen.

Wir haben bei uns selbst auch festgestellt, dass dann der Wunsch besonders groß ist, so viel wie möglich zu hinterfragen und dadurch zu erfahren über die Historie bis zur jüngsten Vergangenheit, wenn es sich um einen bisher „weißen Fleck der Geschichte“ auf unserer Landkarte handelt. Wie spiegelte sich die Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse im Alltagsleben der Standes- oder Grundherren bis hin zu den Untertanen wider in der Neuzeit, also ab der Wende des 15. Jahrhunderts zum 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart? Wie war das Leben in den Schlössern und Gutshäusern einerseits sowie auf den Bauernhöfen und in den Katen andererseits? Welche Folgen hatte der Wechsel von Standes- oder Grundherren für die einfachen Leute? Wie war das, wenn die Männer aus den Familien heraus gerissen und in die Heere der Kriegführer gepresst wurden? Wie war das, als marodierende Truppen durch das Land zogen, alles brandschatzten und den Leuten das letzte Hab und Gut nahmen? Wie änderte sich das Leben, als 1815 die Niederlausitz von Sachsen zu Preußen kam, mit Reformen, anderen Maßen, Gewichten und anderer Gesetzgebung und Währung? Wie war die so genannte „Bauernbefreiung“ durch die Preußische Agrarverfassung wirklich? Welchen Einfluss hatte die Kirche auf das Alltagsleben – vor und nach der Reformation? Wie verheerend waren Seuchen und Epidemien, Dorfbrände, Missernten und Überschwemmungen? Wie entwickelten sich Mobilität und Kommunikation als wesentliche Elemente der jüngeren Neuzeit? Wie war das mit der Flucht und/oder der Vertreibung der Deutschen aus der heute polnischen Niederlausitz nach 1945? Schon die Fragestellungen allein würden noch weitere Seiten, ja ganze Bücher füllen...

Uns Wandergurken bleibt also nur, in dem uns zur Verfügung stehenden kleinen Zeitfenster auf das zurück zu greifen, dessen wir bei unseren Recherchen habhaft werden konnten an Erkenntnissen. Es sei denn, wir treffen bei unseren Erkundungen den allseits bekannten Kollegen Zufall. Als wir am 18. Oktober in Biecz an dem früheren Pfarrhaus (wissen wir z.B. von einer alten Postkartenansicht), der späteren Schule und dem jetzigen Kindergarten vorbei kamen (man sah das an der Fensterdekoration und man hörte es auch...), bat uns ein wild gestikulierender völlig fremder Mitfünfziger freundlich, in den Kindergarten mitzukommen. Wir glaubten schon, dass wir vielleicht die Kinder fotografieren sollten, aber dann zeigte er im Vorraum auf mehrere kleine Wandzeitungen, auf denen im Rahmen eines Schülerprojektes die Geschichte des Ortes ein wenig dokumentiert war und das in deutscher Sprache! Wir fotografierten alles ab, so weit wie möglich, um es zu Hause abzuschreiben und so unseren Wandergästen später zugänglich machen zu können. Zwei Beiträge, mit Stecknadeln angehofften, waren auch für uns von besonderem Interesse und sollen dienen, das sehr alte Dorf (zwischen 600 und 1000 Jahre werden verschiedentlich genannt) ein wenig vorzustellen. Das Kirchspiel von Beitzsch war ohne Nennung des Autors. Dem Schreibstil nach vermuten wir, dass es der gleiche Autor ist, der den zweiten, etwas längeren Beitrag „Wiedebach-Bauten in Beitsch erhalten“, verfasst hat – Hans-Joachim Bergmann aus Guben. Über ihn lasen wir am 10.05.2010 in der LR Guben, dass er als Ex-Gubener inzwischen in Frankfurt an der Oder lebt. Wir gehen davon aus, dass es dieser Beitrag ist, der unter dem Titel „Auf dem Wege nach Beitsch“ auch im Gubener Heimatkalender 1997 von ihm veröffentlicht wurde und sind davon überzeugt, dass es auch im Sinne von Hans-Joachim Bergmann ist, wenn wir beide Beiträge hier noch einmal auszugsweise öffentlich machen, um das Dorf Biecz unseren Wandergästen ein wenig vorzustellen:

„Das Kirchspiel Beitsch. Beitsch liegt 5 km nordostwärts Pförten und 18 km südostwärts Guben. Zusammen mit dem Ortsteil Grötzsch (80 E; 180 ha), den beiden Rittergütern der Familie von Wiedebach-Nostiz, der Hammerschänke und der Papiermühle (1338 ha) leben 612 Einwohner auf 2066 ha Bodenfläche. Der 103 m hohe, weithin sichtbare sagenumwobene Beitscher Berg ist schon in der vorgeschichtlichen Zeit, von einem Steinwall umgeben, besiedelt. (Goldhelm von Beitsch…) Neuzeller Mönche errichteten bereits im 13. Jh. eine Kirche und bauten Weinreben an. Im Dorfe wohnen nur deutsche Bauern. Die Bauernhöfe werden nach den „Torsäulen“, den Namen der ersten Eigentümerfamilien benannt. Die Häuser sind mit Rohr aus den Hammerteichen gedeckt. Im Dorfe steht das Schloß der Herren von Wiedebach-Nostiz, deren Ahnen bereits an den Kreuzzügen im 13. Jh. teilgenommen haben. Der Schloßbau, mit einem Adler im Wappen, trägt den Spruch: ’Mit Eintracht wachsen unsere Güter’.

Beitsch besteht aus zwei Rittersitzen mit dem Vorwerk Grötzsch und dem Zinshafer von Oegeln. Der eine Rittersitz ist die Burg mit dem alten Hof, der andere ist das im 14. Jh. erbaute Schloß. Beide sind seit 1622 vereinigt. Der alte mit der Burg brennt 1627 ab. Beim Brand 1790 bleibt nur der 1683 errichtete dreigeschossige Turm stehen. 1714 brennt die Kirche ab. Kirchenbücher und Glocken gehen verloren. Die neue Kirche mit achteckigem Grundriß (besser die Form eines griechischen Kreuzes – Anm. Gerd Laeser) wird 1718 eingeweiht. Altar, Kanzel und Orgel liegen an einer Seite übereinander. Vor der Turmtür liegt ein großer Feldstein als Hilfe beim Auf- und Absteigen der Damen, die auf ihren besonders schönen Reitpferden („Zeltern“) zur Kirche reiten. Auf dem Kirchplatz ist ein poliertes Granitkreuz, den Toten, „welche versunken im Heidentum Christus auf Erden nicht gekannt haben“, geweiht.

Es gibt Trachten mit gefälteten Halskrausen, mit schwarzseidenen, mit weißen gestärkten Schleifen verziertem tütenförmigen Kopfputz für die Frauen. Die Männer tragen keinen Bart, aber nach germanischer Sitte Kämme im Haar.

1881 brennt das Dorf ab. Mit dem Neuaufbau schmucker, ziegelgedeckter Häuser mit Vorgärten geht der dörfliche Charakter verloren. Die Trachten verschwinden, nur Backöfen und ein Ziehbrunnen bleiben erhalten. In der Beitscher Niederung, der Karnaue (die wohl richtig Kornaue hieß – Anm. Gerd Laeser), einem Schlachtfeld von 1759, leben Kiebitze, Fasanen, Rebhühner und besonders bei der Schäferei Neusorge, dem Krähenheidchen, eine Unzahl von Saatkrähen. Es gibt eine Friedenseiche (Gasthof) und eine Lutherlinde.“

Inzwischen wissen wir, dass die Grundsteinlegung für die George-Bähr-Kirche am 16. September 1716 war. Der Dachstuhl wurde am 10. Juli 1717 aufgesetzt und der Turmkopf (Laterne) am 26. Juli 1718. Fotos von einem Schriftstück aus der Turmkugel (1842) und zu dem bereits Erwähnten findet man im Internet auf der Website der George-Bähr-Gesellschaft Dresden, mit deren Inhaber wir in Kontakt stehen.

Die Kanzel aus dem früheren Kanzelaltar steht jetzt links neben dem Altartisch. Die Kirchenweihe war am 30. Juli 1719. Das Schlachtfeld der Kornaue weist wohl auf ein Scharmützel während des Siebenjährigen Krieges (1756 bis 1763) hin. Ausführliche Informationen zu Hammerwerken, Wassermühlen und Wollspinnereien der Beitzscher Größenordnung im späten Mittelalter bzw. der aufkommenden Neuzeit haben wir inzwischen in dem umfassenden historischen Oeconomischen Lexikon Krünitz-Online gefunden.

„Wiedebach-Bauten in Beitsch erhalten.

Hans-Joachim Bergmann ist 1945 einen Tag vor der durch die Sowjetarmee verursachten Flucht seiner Familie in Sprottau/Niederschlesien, also am Bober, geboren und jetzt Mathematiklehrer in Guben. In seiner Freizeit schaut er sich per Fahrrad und Auto die Landschaft beiderseits der Neiße an, spürt ihrer Geschichte nach und hält ihre Besonderheiten bildlich mit dem Fotoapparat fest. Seine Erlebnisse setzt er in Beiträge für den ’Gubener Heimatkalender’ und die ’Lausitzer Rundschau’ um. Für dieses Jahrbuch besuchte er freundlicherweise Beitsch, auf älteren Landkarten Beitzsch geschrieben, jetzt polnisch Biecz, ein den Sommerfeldern wohl bekanntes Dorf an der Chaussee nach Guben. (…)

Der Wald, meist Kiefern, Birken, manchmal Eichen und Buchen, bildet zwischen Sommerfeld, Pförten und Beitsch eine geschlossenen Fläche. Auch der Beitscher Berg (103 m) ist mit Kiefern bewachsen. ’Nach dem Krieg, als in Pförten das Schloß brannte, sah man den Rauch über den Berg kommen. Und in der Luft war lauter Papier.’ So erzählte mir die alte Frau Richter, eine geborene Lantzke, deren Vater Leibförster beim Freiherrn von Wiedebach war.

Kommt man von Sommerfeld, stehen am Dorfrand von Beitsch giebelseitig einfache Häuschen an der Straße. Hier mögen Arbeiter gewohnt haben, die in Sommerfelder oder Gubener Fabriken arbeiteten. Die Ortschaft teilt sich noch heute in ’Anger’ (im Südosten rechts der Chaussee) und ’Dorf’ (nordwestlich anschließend links der Durchgangsstraße) auf. Am Anger lebt man bescheidener als im Dorf. Jedenfalls sind die Höfe kleiner. Einfache Holzbänke laden zum Schwätzchen ein oder dienen als Milchbank. Die alten Linden sind noch da und können so manche Geschichte erzählen. Sandwege führen über den Anger. Die Dorfhunde, Mischlinge aller Art, betrachten mich mißtrauisch. Dann beginnt einer zu kläffen, und im Nu ist ein Hundekonzert da. Hier gibt es einen ’Reiffendienst’.

Auf der anderen Seite der Landstraße liegt das Dorf. Die schöne Kirche überragt es und bestimmt das Bild. Im Dorf sind die Dreiseithöfe größer als auf dem Anger und locker angeordnet. Das Wirtshaus hat einen Renaissancegiebel. Das Pfarrhaus umgibt ein großer Garten. Manche Häuser haben sogar einen zweiten Stock.

Hier im Dorf lebt Helene Kaczmarek, eine Deutsche, die einen Polen aus Bromberg heiratete. In ihrer Wohnstube mit dem alten deutschen Kachelofen habe ich schon einmal gesessen. Damals bin ich mit dem Rad nach Sommerfeld gefahren und wollte unterwegs im Dorfladen Milch kaufen. Ich bekam aber Sahne. Frau K. klärte den Irrtum und lud mich zu einem Glase Milch ein. So erfuhr ich etwas aus ihrem Leben: Die deutsche Sprache war nach dem Kriege verboten, die Kinder lernten dennoch Deutsch. Zur Wirtschaft gehörten 20 Milchkühe. Dann kam die Kollektivierung. Nur eine Kuh blieb Eigentum.

Seit dem Tod des Mannes lebt die Frau von einer kleinen Rente (etwa 100 DM) und gelegentlichen Aufträgen (beim Nachbarn helfen, Übersetzungen). Reich geworden ist wohl niemand aus dem Dorfe. Es sei denn der Tischler, der Treppen und Eichentüren auch für Deutsche anfertigt. Oder jemand hat einen Stand oder mehrere Stände auf dem Gubiner Markt. Aber ehrlich sind die Leute hier und hilfsbereit. Jeder hilft dem anderen auf dem Feld, in den Ställen, bei Krankheit und in der Not. Geklaut wird hier nicht.

Frau Kaczmarek weiß, wovon sie erzählt. Ist sie doch selbst ein Vierteljahr krank gewesen, hat bei der Tochter in Gubin gelebt, die auch nicht viel verdient, aber als Lehrerin Stunden in der Gesamtschule I in Guben jenseits der Neiße gibt und so etwas besser wegkommt.

Diesmal sitze ich in der kleinen Küche, die nur von einem kleinen Oberfenster belüftet und belichtet wird. Frau K. hat einen Gast, eine Nachbarin, die damals von den Russen nach Sibirien verschleppt wurde. Eine andere Nachbarin gesellt sich dazu, die Eier bringt. Schließlich kommt noch eine alte Bekannte aus Sommerfeld, deren Mann einst Lehrer im Ort war und die im „Faserwerk“ in Guben gearbeitet hat. Die Frauen sind freundlich, höflich und sicher auch etwas neugierig. Unser Gespräch ist ein Gemisch aus Vergangenheit und Gegenwart: dass ’Dokumente’ aus Beitsch im Pförtener Pfarrhaus sein müssen, in der Kiesgrube hinter dem Friedhof ’Funde’ gemacht worden sind, der jetzige Schlossbesitzer Gelder aus Grünberg für die Sanierung bekommt, aber…eine private Verkaufsstelle eröffnet hat, die Rente nicht vorn noch hinten reicht, die Enkelkinder bald zu Besuch kommen.

Ich will hier nicht länger stören und gehe zum Kirchhof. Die alten Sandsteinfiguren (eine bereits ohne Kopf), die ich beim vorigen Besuch fotografierte, stehen nicht mehr vor der Ostseite des Gotteshauses. Später finde ich sie im Kirchenvorraum abgestellt. Die eisernen Grabkreuze mit Jahreszahlen aus der Goethezeit lehnen immer noch in einer Mauerecke. Nebenan ist in die Mauer ein deutscher Grabstein eingefügt. Zwei Jungen lassen eine Schieferplatte vom Kirchturm durch die Luft segeln. In den Gärten blühen riesige Holundersträucher und manchmal Heckenrosen.

Ich blicke ins ’Dorf, in dem jeder Hof noch seine eigene Tierwelt hat: Kaninchen, Hühner, Enten, Gänse, Puten, Tauben, Schweine, Ziegen, Kühe, Pferde, je nach Bedarf. Nur die Ordnung auf den Höfen lässt zu wünschen übrig: Scheunen verfallen. Die alten oft doppelt gedeckten Häuser haben Löcher. Durch zerbrochene Fenster pfeift der Wind.

Ich habe Glück und finde Einlaß in der Kirche. Sie wird von den Polen fleißig besucht. Sie ist hoch und hell und wirkt sehr freundlich. Der achteckige Grundriß läßt den Raum groß erscheinen. Die Patronatsloge ist unverändert. Die großen Fenster spenden viel Licht. Mehrere Emporen übereinander bieten viel Platz. Kirchenfahnen und Heiligenbilder künden von den jetzigen Benutzern.

Ein Denkmal (Standbild) eines einstigen Patrons steht sogar noch an der Nordseite. Ich lese darunter u.a.: ’Paul Friedrich von Wiedebach und Nostiz Jaenckendorff. Landeshauptmann des Preus. Markgrafthums Oberlausitz. Sr. Preus. Majestät Kammerherr und Ceremonienmeister. Mitglied des Herrenhauses. Mitbesitzer von Beitsch und Groeztsch. Patron der Kirchen von Arnsdorf u. Beitsch. 1848-1932.’

Vor der Kirche ist der ’Zelterstein’ nicht mehr zu finden, den nach der Überlieferung die Damen aus dem Schloß zum Ab- und Aufsteigen nutzten, wenn sie mit ihren schönen Reitpferden („Zeltern“) zum Gottesdienst kamen. Westlich oberhalb der Kirche steht die Schule, die der letzte deutsche Freiherr bauen ließ.

Eine schöne Sichtachse verbindet über die Landstraße hinweg die Kirche mit dem Torhaus des Schlosses. Das Torhaus, in dessen Seitengebäuden sich Wohnungen und Stallungen befanden, verfällt immer mehr. Die alten Wappen aus Sandstein sind von der Zeit und vom sauren Regen zerfressen. Die Inschrift ’F.H.W.v.W.’ und darunter die Jahreszahl ’MDCCCII’ erinnern an bessere Zeiten…“

Am Schreibstil von Hans-Joachim Bergmann gefiel uns beim Lesen seiner LR-Beiträge in den zurück liegenden Jahren immer wieder besonders die Einfachheit seiner Worte und die Kürze seiner Sätze, welche zusammen die Ehrlichkeit und Klarheit seiner Gedanken hervor heben. Danke dafür!

Wie haben wir Wandergurken uns nun diesen Erlebnistag vorgestellt? Die Planung sieht vor, dass wir uns auf dem Parkplatz gleich hinter dem Grenzübergang Forst-Sacro/Zasieki nördlich von Forst (Lausitz) treffen. Wer sich auskennt, kann natürlich auch gleich selbständig zum Treffpunkt fahren. Dann ist die Kolonne der Autos nicht gar so groß. Da wir ja im polnischen Nachbarland wandern, gehen wir davon aus, dass alle unsere Wandergäste auch an ihren „Persi“ bzw. Reisepass sowie die Versicherungskarte ihrer GKV denken.

Von diesem Parkplatz fahren wir in Kolonne bis nach Brody (Pförten) und stellen die PKW auf dem Markt vor dem Gemeindeamt (Rynek 2) ab. Nach der Begrüßung durchwandern wir zuerst die Straßen Traugutta, 1. Maja und Polna. Hinter den letzten Häusern laufen wir durch die offene Feldflur schnurstracks, fast immer den Beitscher Berg im Auge, die gut 5 km bis nach Biecz.

In Biecz angekommen, werden wir zuerst dem alten und neueren Friedhof auf dem von uns so benannten Kirchberg einen Besuch abstatten, um den Menschen vor einem großen Kreuz zu gedenken, die hier einst und jetzt ihre letzte Ruhe fanden. Anschließend sind es von hier nur wenige Schritte bis zu der großen Kirche, die George Bähr an dieser Stelle 1716 bis 1719 erbaute, im Stile der danach unter seiner Leitung errichteten berühmten Dresdner Frauenkirche, nur wesentlich kleiner, aber für diesen kleinen Ort eben sehr groß. Fotografieren ist in der Kirche erlaubt, allerdings dachten wir, dass um diese Jahreszeit der Aufenthalt in dem noch kalten Gotteshaus auf etwa ½ Stunde beschränkt sein sollte. Auch wir haben den Eindruck oder das Gefühl, dass die Kirche von innen größer wirkt als sie von außen aussieht.

Unser Weg führt anschließend über den Kirchhof hinunter zur Dorfstraße mit dem früheren Gasthaus zur Brauerei (das mit dem Renaissancegiebel) und dem einstigen Pfarrhaus (später Schule und heute Kindergarten mit Bibliothek). Das große Gasthaus zur Friedenseiche steht leider nicht mehr, aber die Friedenseiche mahnt heute mehr denn je... Auf der Sichtachse von der Kirche zum Gut laufen wir zum Torhaus und der Brennerei, um wenigstens einen Blick auf das private Terrain zu werfen, denn es besteht dort aus dem genannten Grund Betretungsverbot. Wir laufen zurück und auf der alten Dorfstraße zum Anger. Ob wir von dort noch weiter durch den früheren Mühlenforst bis zum Standort der einstigen Papiermühle bzw. des Hammers und späterer Wollspinnerei laufen (hin und zurück etwa 3,5 km), hängt davon ab, ob das Wetter diesen Abstecher zulässt. Geplant ist er jedenfalls. Wenn ja, dann führt der Weg über den Ortsteil Anger durch die früher so genannte Mühlheide zum Stern (von uns so benannt) und von dort weiter durch fast unberührte Natur bis etwa an die zugewachsenen Fischteichen. Von dem einstigen Standort vorkapitalistischer Produktion, dem Eisenhammer, nachfolgend der Papiermühle und zuletzt der Wollspinnerei mit dem einstigen Wohnplatz, sehen wir nur noch die Mauer am Wehr für das Wasserrad. Alles Andere ist Wildnis, landschaftlich aber durchaus reizvoll. Der Eine oder Andere wird verstehen, warum wir uns das zeitige Frühjahr ausgesucht haben, um diese Wildnis zu wandern. Jetzt ist hier noch mückenfreies Gebiet… Diese Erkenntnis im Kopf behaltend, machen wir uns schnurstracks auf den Rückweg nach Brody.

Wie schrieb doch Theodor Fontane bereits 1864 im Zweiten Vorwort seiner „Wanderungen durch die Mark Brandenburg - Die Grafschaft Ruppin“ sehr treffend und heute vielleicht noch aktueller denn je? „Es gibt gröbliche Augen, die gleich einen Gletscher oder Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben...“ Richtig, aber bei uns sind trotzdem oder gerade deshalb ALLE ganz herzlich eingeladen, denn – es gibt bekanntlich nichts Gutes, außer man tut es!

Weitere Informationen, besonders zum Beginn und Treffpunkt, gibt es bei der Anmeldung zur Teilnahme an dieser interessanten Erlebnistour, die unbedingt erforderlich ist, und zwar möglichst bis Donnerstag, den 18.04.2013. Rucksackverpflegung, wetterfeste Bekleidung/Schuhwerk. Keine Teilnahmegebühr, da kein Versicherungsschutz! Um einen freiwilligen Obolus in unseren Fontane-Wanderhut bitten wir jedoch. Dafür gibt’s auch eine persönliche Urkunde für gut gelauntes und blasenfreies Mitwandern. Tel. 03542-3792

Laufend mehr erleben – Wandernd mit dem Herzen sehen!
Wir Niederlausitzer Wandergurken freuen uns auf Sie!

Gerd Laeser - Gästeführer Niederlausitz - und Frau Edeltraud
Lübbenau/Spreewald
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Fotos © Gerd Laeser

044 - Stahlstich von 1880 - Luftbildperspektive des Dorfes Beitzsch mit Beitscher Berg, Kirche, Pfarrhaus, Schule, Gasthof zur Brauerei, Torhaus, Brennerei, Gutshof und Schloss (Ausschnitt)

001 - Kirche von Geoge Bähr in Biecz (Baumeister der Dresdner Frauenkirche), erbaut 1716 bis 1719, aktuellstes Foto von unserem Besuch in Biecz (Beitzsch) am 26. März 2013

064 – Der Kirchenraum in Biecz nach Umbau und Restaurierung - der Platz der Orgel über dem Altar ist jetzt leer. Ob die früher dort eingebaute Orgel je eine Silbermann’sche war, ist noch unklar. Wir wünschten es der Kirche aber sehr...

046 – Die Patronatsloge derer von Wiedebach, vom Volksmund auch Betstube genannt, auf der 1. Hufeisenempore über dem Eingang

073 - Reste der Torhausanlage des früheren Schloss- und Gutsareals (Foto von 2012)

Eingetragen am 08.04.2013 um 04:27 Uhr.
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